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Aktionstag 2014

"Arbeit familiengeRecht gestalten!" - 4. Aktionstag am 23.10.2014 in Düsseldorf

Fotos: MFKJKS, Jürgen Kura

Vor allem rechtliche Fragen standen im Mittelpunkt des diesjährigen Aktionstages von "Familie@Beruf", denn Familien haben Rechte, auch am Arbeitsplatz. Über aktuelle Gesetzesvorhaben (Das ElterngeldPlus/ Das Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf), die gelebte Realität und Zukunftsvisionen tauschten sich die rund 300 Teilnehmenden angeregt aus. Dabei bewiesen sie, dass Recht ein lebendiges Thema ist und setzten weitere Impulse zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Arbeitswelt.

Gruppenfoto

Dr. Kerstin Weißenstein, Prof. Barbara Schwarze, Prof. Brigitte Unger, Dr. Sabine Graf, Dr. Luitwin Mallmann und Dr. Hildegard Kaluza

Foto: Jürgen Kura

Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Wissenschaft und sozialen Organisationen folgten – nach der Begrüßungsrede durch Dr. Hildegard Kaluza vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen - zunächst einer lebhaften Talkrunde. Dr. Luitwin Mallmann, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Metall- und Elektro-Industrie Nordrhein-Westfalen diskutierte mit Dr. Sabine Graf vom DGB, Dr. Hildegard Kaluza und Prof. Brigitte Unger, der Wissenschaftlichen Direktorin des Wirtschafts-und Sozialwissenschaftlichen Instituts in der Hans-Böckler-Stiftung. Das Thema "Verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf" sorgte für Zündstoff und einen konstruktiven Meinungsaustausch.

Interview mit Astrid Berger-Fels (Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit)

Porträt von Astrid Berger-Fels

Quelle: Jürgen Kura

Am Rande des Aktionstages "Arbeit familiengeRecht gestalten!" von "Familie@Beruf" sprachen wir mit Astrid Berger-Fels. Sie ist Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt in der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit und arbeitet seit Jahren bei der Aktionsplattform mit.

Frau Berger-Fels, wie wichtig ist Ihnen die Aktionsplattform "Familie@Beruf"?

„Die Plattform ist für mich in der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit wichtig; sie ist ein gutes Medium, um das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbreiten. Auf dem Portal können wir unter anderem Lösungen und Gute Beispiele kommunizieren und verbreiten; einfach für das Thema werben!“

Inwieweit ist das Thema des Aktionstages "Arbeit familiengeRecht gestalten!" für Ihre Arbeit relevant?

„Das ist ein Thema, das viele Berührungspunkte zu unserer Arbeit hat. Wir haben viele Kundinnen und Kunden mit Familienpflichten, die zu uns kommen und in deren Beratungsgesprächen es um passgenaue Ausbildung, Arbeitsstelle oder Weiterbildung geht. Dann sind Sie ganz schnell bei der Frage: >Kann ich das vereinbaren mit meinen familiären Aufgaben – seien es Kinderbetreuungs- oder Pflegeaufgaben<. Deshalb ist das Thema wichtig für uns. Außerdem beraten wir Arbeitgeber in allen Fragen der Personalrekrutierung. In diesem Zusammenhang wollen wir ebenfalls dafür werben, an die Möglichkeiten der modernen Personalpolitik – auch zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie - zu denken. Auf diese Weise können wir die Wünsche unserer Kundinnen und Kunden, deren Interessen und sowie die Anforderungen auf beiden Seiten gut zusammenbringen.“

Wie weit sind wir aus Ihrer Sicht gesellschaftlich beim Thema Vereinbarkeit von Arbeit, Kinderbetreuung und Pflegeaufgaben und welche Wünsche haben Sie diesbezüglich für die Zukunft?

„Das Bewusstsein für die Bedeutung einer guten Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Pflege hat in den letzten Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung und auch bei den Beteiligten zwar zugenommen, aber es ist nach meiner Wahrnehmung immer noch viel zu tun.

Wünsche aus meiner Sicht sind: vieles noch leichtgängiger zu machen, keine Hürden aufzubauen oder dazu beizutragen, bestehende abzubauen. Ich denke da beispielsweise an  Kinderbetreuungsangebote, die nicht an Randzeiten enden und flexibler sind, um die Vereinbarkeit besser hinzubekommen. Das ist etwas, worüber wir ganz häufig stolpern, dass insbesondere bei den frauendominierten Berufen Kinderbetreuungsangebote nicht immer passgenau sind zu den Anforderungen am Arbeitsplatz.“

Interview mit Dr. Sybille Stöbe-Blossey

Porträt von Dr. Sybille Stöbbe-Blossey

Quelle: privat

Dr. Sybille Stöbe-Blossey ist Abteilungsleiterin der Forschungsabteilung Bildung und Erziehung im Strukturwandel am Institut Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen. Mit Familie@Beruf.NRW spricht sie darüber, was Hochschulen in Bezug auf die Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf schon erreicht haben.

Frau Dr. Stöbe-Blossey, wie aktuell ist das Thema Vereinbarkeit für Hochschulen wie Ihre und für deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

„Die Hochschulen haben sich an vielen Stellen auf den Weg gemacht, das Thema Vereinbarkeit anzufassen. Speziell würde ich in diesem Zusammenhang gerne das Thema Kinderbetreuung ansprechen. Da gibt es sehr unterschiedliche Ansätze an den Hochschulen: der eine Punkt ist, dass sie häufig sowohl Studierende als auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben, die nicht vor Ort wohnen. Das heißt, sie brauchen eine Lösung am Wohnort und nicht an der Hochschule. Deshalb wurden Beratungsstrukturen geschaffen: Die Hochschulen bieten den Menschen Vermittlungsdienste und Beratungsleistungen an, um die Kinderbetreuung aufzubauen, die sie bei sich zuhause benötigen. Das ist der eine Strang.

Der andere Strang sind hochschuleigene Angebote: Da hat sich beispielsweise bei uns an der Uni Duisburg-Essen einiges getan. Man hat für unter 3-jährige Großtagespflegestellen eingerichtet und der wichtigste Punkt dabei ist, dass die sehr flexible Betreuungszeiten anbieten. Es nutzt der durchschnittlichen wissenschaftlichen Mitarbeiterin oder der durchschnittlichen Studentin relativ wenig, wenn eine Kita von 8:00 bis 16:30 Uhr geöffnet ist. Viele Veranstaltungen finden häufig erst von 16.00 bis 18.00 Uhr oder 18.00 bis 20.00 Uhr statt. Und darauf reagieren die hochschuleigenen Angebote, indem sie ganz unterschiedliche Zeitmodelle anbieten und eben auch berücksichtigen, wie zum Beispiel die wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Karrierephase arbeitet, wenn sie ihre Promotion vorbereitet - auch oft auf einer halben Stelle Teilzeit und zu den unterschiedlichsten, buntesten Zeiten. Solche Modelle bieten auch die Möglichkeit, dass das Kind beispielsweise an drei Tagen die Woche zur Betreuung kommt oder zu unterschiedlichen Zeiten oder dass man in Prüfungszeiten oder bei Exkursionen oder Tagungen zusätzliche Zeiten in Anspruch nimmt. Das ist eigentlich der Hauptpunkt, dass Eltern an der Hochschule solche flexiblen Lösungen brauchen.“

Welche Maßnahmen wünschen Sie sich noch, damit Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Studium gelingt?

„Letztendlich kann eine einzelne Hochschule allein nicht die Voraussetzungen dafür schaffen. Wir bräuchten eigentlich ganz andere Rahmenbedingungen in Deutschland, was das wissenschaftliche Karrieresystem betrifft. Wir bräuchten früh gesicherte Perspektiven und weniger Mobilitätszwänge und befristete Arbeitsverhältnisse. In Frankreich beispielsweise ist das System ganz anders aufgebaut, da kann man auch in relativ jungen Jahren auf einer Mittelbauebene eine unbefristete Stelle bekommen, sich weiter qualifizieren und innerhalb des Systems aufsteigen. Junge Frauen haben so frühzeitig eine Perspektive, während das bei uns ein ziemliches Vabanquespiel ist, wenn man sich auf eine wissenschaftliche Karriere einlässt. Das ist meines Erachtens der Hauptgrund, dass bei uns junge Wissenschaftlerinnen heute häufig kinderlos bleiben – was in Frankreich ganz anders aussieht. Es wäre interessant, mal die Wege der wissenschaftlichen Karrieren international zu vergleichen und da von anderen Ländern das ein oder andere zu lernen!“

Interview mit Dr. Hildegard Kaluza (Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport NRW)

Dr. Hildegard Kaluza

Dr. Hildegard Kaluza

Foto: Jürgen Kura

Dr. Hildegard Kaluza vom nordrhein-westfälischen Familienministerium erklärte in Ihrer Eröffnungsrede: "Heute geht´s ans Eingemachte: Wir wollen uns mit der rechtlichen Situation von Familien im Arbeitskontext beschäftigen."

Frau Dr. Kaluza, das älteste Gesetz, das für Familien wichtig ist, ist das Mutterschutzgesetz. Welche rechtlichen Bestimmungen beschäftigen uns aktuell?

"Einmal das Familienpflegezeitgesetz: Bisher war es so, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zwar schon aussteigen oder Teilzeit arbeiten konnten, wenn sie einen Pflegefall haben, allerdings nur freiwillig. Das heißt, dass der Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin dem nicht unbedingt zustimmen musste. Zukünftig haben Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einen Rechtsanspruch auf Familienpflegezeit. Die Neuregelungen dazu treten zu Beginn 2015 in Kraft.

Die zweite aktuelle Neureglung – das ElterngeldPlus - bezieht sich auf die andere Seite der Familie, auf die junge Familie. Wenn Eltern ein Kind bekommen, konnten sie ja schon Elterngeldzeit nehmen. Allerdings halbierte sich diese, wenn beide parallel Teilzeit arbeiteten. Durch das ElterngeldPlus wird das partnerschaftliche Modell - beide arbeiten gleichzeitig Teilzeit und beziehen Elterngeld - verbessert. Sie können das jetzt den gesamten Zeitraum, die vollen 14 Monate parallel tun und erhalten nochmal 4 Monate zusätzlich, wenn sie in einem bestimmten Umfang parallel Teilzeit arbeiten. Das neue Gesetz zum ElterngeldPlus tritt zum 1. Januar 2015 in Kraft und gilt für Geburten ab dem 1. Juli 2015."

Was – außer einem soliden rechtlichen Rahmen – brauchen Familien noch, damit ihnen die Vereinbarkeit von Arbeit, Kinderbetreuung und Pflegeaufgaben gelingt?

"Rechtliche Regelungen allein reichen nicht. Wir haben beim Aktionstag ausführlich über den kulturellen Aspekt gesprochen: Es nützt ja kein Recht, wenn ich es nicht nutze, weil ich Angst habe, dass ich diskriminiert werde, dass meine Karriere dann nicht weiter funktioniert oder im familiären Kontext eine sehr traditionelle Auffassung herrscht. Es muss sich kulturell etwas ändern und diesen kulturellen Prozess müssen wir anstoßen. Ich denke, eine gute Möglichkeit ist, wenn man direkt ins Gespräch kommt. Der Aktionstag hat diese Funktion: dort kommen wir mit allen Akteuren ins Gespräch, die dann wiederum in ihren Feldern auch für ein partnerschaftliches Modell, für ein modernes Familienbild werben und sich dafür einsetzen, dass Vereinbarkeit gelingt."

Podiumsdiskussion

Gruppenfoto Podium

Foto: Jürgen Kura

Der wurde in der anschließenden Podiumsdiskussion fortgesetzt. Wie lässt sich Arbeit familiengerecht gestalten? Was brauchen die Beschäftigten, was brauchen die Unternehmen? Die Teilnehmenden lieferten unerwartete Antworten und interessante Erfahrungen: Beispielsweise stellte Joachim Sauer, Präsident des Bundesverbandes der Personalmanager, fest, der Führungsstil in vielen Unternehmen müsse sich deutlich verbessern. Tenor der Runde insgesamt: Mindestens genauso wichtig wie rechtliche Rahmenbedingungen ist die Unternehmenskultur, denn Vereinbarkeitsregelungen werden häufig im persönlichen Gespräch getroffen. Und das ist nur möglich, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Vertrauen haben und ihre Probleme der Vereinbarkeit offen darlegen.

Markt der Möglichkeiten

Mittagspause und Markt der Möglichkeiten boten Zeit, Informationen einzuholen und sich auszutauschen. Auf 30 gut besuchten Ständen des Marktes der Möglichkeiten informierten unterschiedliche Akteurinnen und Akteure über ihre Angebote von Familienservices bis zu Gütesiegeln "Familienfreundliches Unternehmen".

Danach wurde das Tagesthema kabarettistisch aufgegriffen: Martin Guth von FABELHAFTGUTH fabulierte über "Meine Familie: Die schönste Katastrophe der Welt".

Am Nachmittag hatten alle Teilnehmenden die Möglichkeit, in unterschiedlichen Foren die Fragen und Anregungen des Vormittags zu vertiefen.

Die Foren

Foyergespräch: Informationen für Neueinsteiger/-innen und Beispiele aus der Praxis

Moderation: Oliver Steinke, Landes-Gewerbeförderungsstelle des nordrhein-westfälischen Handwerks e. V.

Expertinnen: Kirsten Tischer, Wirtschaftsförderung Kreis Soest GmbH; Ulrike Schmidt, LizzyNet GmbH (Infoplattform für Frauen); Susanne Horstmann, Landesbetrieb Mess- und Eichwesen NRW

Einleitend weist der Moderator darauf hin, dass familiengerechte Arbeit nicht nur auf rechtlichen Rahmenbedingungen beruht. Aus seiner Sicht, auch aus der eines jungen Vaters, kommt es darauf an, dass alle Betroffenen dafür sorgen, dass sie selbst, ihre Mitarbeiter/-innen und Vorgesetzten aus ihrer jeweiligen Perspektive dazu beitragen, die Arbeit familiengerecht zu gestalten. Um das zu erreichen, sind die derzeitigen Lösungen oft noch zu bürokratisch, z. B. die Antragstellung für das Elterngeld.

Zunächst berichtet Susanne Horstmann, wie die Mess- und Eichbetriebe des Landes NRW versuchen, als Arbeitgeber attraktiver zu werden. Ein Schwerpunkt ist hier „Diversity“, die ohne mehr Präsenz der Frauen und damit verbunden ohne flexible Arbeitszeiten gar nicht denkbar ist. Da im Eichwesen demnächst ein Generationenwechsel ansteht, sind für Mitarbeiter/-innen in der Familienphase lebbare Arbeitszeitmodelle zur Unterstützung der nicht mehr klassischen Rollenverteilung in den Familien zu schaffen. Ein Effekt soll dabei sein, dass auch Männer von der Familienfreundlichkeit profitieren und sich stärker der Familie widmen können.

Diese Denkrichtung angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels unterstützt auch die Mädchenplattform Lizzy, vertreten durch Ulrike Schmidt. Lizzy bietet spezifische Orientierung für „Mädchen in MINT-Berufen“. Um diese Möglichkeiten für Mädchen zu propagieren und damit nicht nur dem Arbeitsmarkt, sondern auch den Talenten und Bedürfnissen junger Frauen entgegenzukommen, ist mehr Aufklärung vonnöten. Viele Unternehmen sind bereits frauen- und familienfreundlich bei der Gestaltung der Arbeitszeiten und bei der Besetzung von Stellen mit Frauen, die bislang Männern vorbehalten waren. Aber sie kommunizieren noch zu wenig darüber. Dabei sind Jugendliche heute in der Berufsfindungsphase bereits aktiv auf der Suche nach genau solchen Möglichkeiten.

Wie Kirsten Tischer berichtet, sind im Kreis Soest mehr und mehr Unternehmen daran interessiert, sich als familienfreundliches Unternehmen zertifizieren zu lassen. Aber erst durch regelmäßige Rezertifizierung kann sichergestellt werden, dass diese Zertifikate halten, was sie versprechen. Ein weiterer Schwerpunkt der Wirtschaftsförderung ist aus ihrer Sicht die Unterstützung von Unternehmen, die so klein sind, dass sie keine Personalabteilung unterhalten können. An diesem Punkt sollten Unternehmen miteinander kooperieren und sich vernetzen, um alles richtig machen zu können.

Abschließend wird deutlich, dass es immer von guten Führungskräften abhängt, wie gut ein Unternehmen ist, auch und gerade bei Arbeitszeitmodellen. Hier ist oft persönliche Betroffenheit die beste Motivation.

Forum 1: Vereinbart und geregelt!
 Die Rolle von Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen

Moderation: Astrid Berger-Fels, Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen der Bundesagentur für Arbeit

Expertinnen: Prof. Dr. Brigitte Unger, Professorin an der Universität Utrecht und Leiterin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts, Hans-Böckler-Stiftung; Erdmute Thalmann, Work-Life-Referentin bei Vodafone

Die Moderatorin macht eingangs deutlich, dass nur bei circa zehn Prozent der Unternehmen tatsächlich betriebliche Vereinbarungen gelten. Alle übrigen Unternehmen haben noch Nachholbedarf.
In Vertretung ihrer Mitarbeiterin Yvonne Lott referiert Prof. Unger über den Wandel von Lebens- und Erwerbsverläufen heute im Vergleich zu früheren Jahrzehnten, als das Leben in zehn Stufen vom Säugling bis zum Greis für Männer vorgezeichnet war. Angesichts der heutigen weit komplizierteren Lebensstile und -entwürfe, der veränderten Präferenzen und des „Gender Time Gap“ ergibt sich eine neue Bedarfslage: Frauen wollen mehr arbeiten als nur halbtags, Männer möchten weniger arbeiten als ganztags.

Hier stehen betriebliche Vereinbarungen in erster Linie aus finanziellen Erwägungen noch aus. Aber es gibt bereits Arbeitszeitkonten, Möglichkeiten zur Reduzierung der Arbeitszeit etc., aus denen man etwas machen kann – zumindest in gut qualifizierten Berufen. Für Beschäftigte im Fahrdienst oder für Reinigungskräfte gelten durchgehend noch andere, weniger günstige Regeln.

In den Niederlanden gelingt es sehr vielen Menschen, egal ob Mann oder Frau, 30 Stunden pro Woche arbeiten, was dort bei zeitverschobener Arbeitszeit Familien schon heute zu mehr Zeit miteinander verhilft.

Nun dazu, wie es im Unternehmen aussieht: Bei Vodafone existieren, wie Erdmute Thalmann berichtet, zahlreiche Betriebsvereinbarungen, z. B. „Home Office“, „Flex Office“, „Teilzeit“ oder „Familie und Beruf“. Diese Vereinbarungen sollen einzeln oder kombiniert bessere Rahmenbedingungen für Familien schaffen, so dass unterschiedliche Lebensstile von Arbeitnehmern möglich und umsetzbar werden.
Es wird beobachtet, dass viele Unternehmen die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben als Huckepackthema benutzen, um andere Themen transportieren zu können. Grundsätzlich ist dabei erstrebenswert, dass die Geschäftsleitung spürbar hinter den Mitarbeitern/-innen steht – ein Zustand, der bei Vodafone weitgehend erreicht ist.

Aus der Erfahrung der Expertinnen und der Moderatorin betrachtet, sollten alle Betroffenen die vorhandenen oder noch zu gestaltenden Betriebsvereinbarungen nicht nur aus juristischer Sicht sehen, sondern gemeinsam – Mitarbeiter/-innen und Manager/-innen – praktikable Lösungen zur Vereinbarkeit der verschiedenen Bedürfnisse suchen und finden.

Forum 2: Babys und Kinder gehören halt dazu. Junge Eltern – Elterngeld und Elternzeit

Moderation: Anine Linder, Netzwerkbüro Erfolgsfaktor Familie

Experten/-innen: Regina Vogel, Referatsleiterin im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen; Dr. David Juncke, Projektleiter Familienpolitik & Beschäftigungsfähigkeit, Prognos AG; Frank Müller, stellvertretender Vorsitzender der Landeselternkonferenz NRW

Die Moderatorin stellt die wichtigsten Fragestellungen vor, die aus ihrer Sicht im Forum geklärt werden sollen: Was ist Elterngeld plus? Welche Bedürfnisse haben junge Eltern? Sie geht davon aus, dass mit dem Elterngeld plus ab 2015 bestimmte Ungerechtigkeiten des bisherigen Elterngeldes ausgeglichen werden können. Die Reform soll auch in Teilzeit arbeitenden Eltern ermöglichen, Elterngeld zu beziehen. Mit dem Elterngeld plus kann die Familienleistung bei frühzeitigem Wiedereinstieg in Teilzeitjobs gesplittet und entsprechend länger gezahlt werden.

Die Frage nach den Bedürfnissen der jungen Eltern beantwortet sich fast von selbst. Das Publikum trägt dazu bei: Eltern brauchen Kitas, die auch auf die Bedürfnisse der Eltern zugeschnitten sind, sie brauchen Arbeitsstellen, an die sie nach individuellem Bedarf zurückkehren können, sie benötigen mehr Betreuungsmöglichkeiten für ganz kleine Kinder und wollen, dass Väter die Gelegenheit erhalten, sich mehr an der Betreuung zu beteiligen.

Regina Vogel sieht hier einen langsamen Kulturwandel, der auch der zunehmenden Anspruchshaltung junger Eltern entspricht. Mit dem Elterngeld plus sollen vier Ziele erreicht werden: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie soll flexibilisiert werden, die Aufteilung der Familienarbeit soll partnerschaftlicher, der Wiedereinstieg für die Mütter einfacher werden und die wirtschaftliche Stabilität der jungen Familie muss gestützt werden. Vogel sieht NRW weit vorne. Hier nehmen immerhin 25 Prozent der Väter sieben bis elf Monate Elternzeit in Anspruch. In Zukunft können beide Partner ihre Elternzeit mit dem Elterngeld in drei nicht direkt aufeinanderfolgenden Zeitabschnitten nehmen.

Aus Forschungssicht sieht David Juncke ein erhöhtes Engagement der Mütter für ihren Beruf. Er stellt fest, dass aufgrund des Elterngeldes mehr als 40 Prozent der Mütter nach einem Jahr wieder in den Beruf gehen. Die Erwerbstätigkeit der Mütter steigt also, ebenso wie das Engagement der Väter. Väterzeit ist nicht mehr exotisch. Juncke fragt sich, ob da schon ein nachhaltiger Wertewandel erkennbar wird. Aber dem steht wohl das Misstrauen entgegen, das immer noch 60 Prozent der Eltern in NRW der externen Kinderbetreuung entgegenbringen.

Wenig euphorisch sieht es auch Frank Müller, der starken Widerstand aufseiten der Arbeitgeber gegen die Flexibilisierung aufzeigt, aber positiv beeindruckt ist von der neuen Wahrnehmung in Sachen Familie und hier besonders von der zunehmend aktiven Männerrolle.

Dass gerade die Qualität der Betreuung der jüngeren Kinder durch das Bemühen, mehr und mehr Betreuungsplätze zur Verfügung zu stellen, eher abgenommen hat, wird im Publikum bedauert.

Forum 3: Nachmittags zwei Stunden frei, dafür allzeit erreichbar? Entgrenzung von Arbeit als Risiko

Moderation: Regina Neumann-Busies, Henkel AG & Co. KGaA

Experten/-innen: Dr. Oliver Stettes, Institut der Deutschen Wirtschaft Köln; Andrea Boese, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Die Moderatorin, die als Leiterin der Sozialen Dienste in ihrem Unternehmen zahlreiche Arbeitszeitmodelle kennen gelernt bzw. mitgestaltet hat, beginnt mit dem Versuch einer Definition. Was ist Entgrenzung von Arbeit? Mit Hilfe des Publikums wird definiert: Arbeitsentgrenzung ist grenzenlose Arbeit, die dann stattfindet, wenn seitens des Arbeitnehmers keine Grenzen gesetzt werden, wenn der Arbeitnehmer es nicht versteht, „nein“ zu sagen.

Auch wenn Zeit relativ ist, gibt es Grenzen für die Zeit, die für die Arbeit zur Verfügung steht. Diese Grenzen werden durch gesundheitliche Befindlichkeit, durch Zeitdruck etc. gesetzt, aber auch durch das Bedürfnis nach etwas Zeit für sich selbst, die jeder Mensch zur Verfügung haben sollte. Wer dem Arbeitgeber Freizeitkontingente abverlangt, muss das meistens durch weitgehende Erreichbarkeit über die reine Abwesenheitszeit hinaus kompensieren.

Dr. Oliver Stettes sieht aus seiner Perspektive die Rolle der Unternehmen im Vordergrund. Er erwähnt, wie viele auch kleinere Unternehmen sich heute vernetzen und Kooperationen eingehen, um Zukunftsmodelle zu entwickeln (wann auch immer, wo auch immer, mit wem auch immer). Auf die Anforderungen des Marktes und der Mitarbeiter/-innen muss flexibel reagiert werden, denn die Arbeitswelt ist bunter geworden, die Biografien sehen anders aus, die Bedürfnisse unterscheiden sich sehr stark von denen der vorigen Generation. Wenn es gelingt, dass die Mitarbeiter/-innen ihre Arbeitssituation als positiv empfinden und der Unternehmer das bekommt, was er von einer Arbeitskraft erwartet, dann ist eine Win-win-Situation hergestellt.

Fakt ist, dass in Deutschland die Arbeitnehmer dem Unternehmen im globalen Vergleich wenig Arbeitszeit zur Verfügung stellen. Und wegen der Arbeitszeitmodelle kann festgestellt werden, dass acht von zehn Befragten nach einer Studie des IW mit ihrem Arbeitsarrangement zufrieden sind, nur knapp 18 Prozent fühlen sich durch die Anforderungen an ihre Arbeit überfordert.

Die Abteilung „Diversity“ des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt ist beim Vorstand angesiedelt. Die Ernährungswissenschaftlerin Andrea Boese sieht die Inhalte ihres Bereichs als sehr deutsches Thema an, das im Ausland kaum verstanden wird. Sie beobachtet beim Thema Entgrenzung, dass Arbeit heute objektiv nach weniger Arbeit aussieht, aber subjektiv mehr gearbeitet wird als vor einigen Jahren.

Für den Arbeitnehmer kommt es auf jeden Fall darauf an, den Kopf über Wasser zu halten und das Burn-out Syndrom zu vermeiden. Und das geschieht auf jeden Fall durch Abgrenzung.

Forum 4: Wie komme ich nicht unters Rad? Freiberufler zwischen Selbstbestimmung und Selbstausbeutung

Moderation: Prof. Barbara Schwarze

Experten/-innen: Dr. Inge Böhne, Bundesverband der niedergelassenen Tierärzte; Dr. Volker Steude, Unternehmensberater advoprax AG; Kristina Klaaßen-Kaiser, Anwältin, Linklaters LLP

Die Moderatorin leitet ein mit ein paar statistischen Werten: 1991 gab es in Deutschland 27 Prozent Freiberufler und Selbstständige. Dieses Jahr sind es 30 Prozent. In absoluten Zahlen: 4,2 Millionen Deutsche sind heute selbstständig.

Die verschiedenen möglichen Formen der freiberuflichen Arbeit werden zunächst anhand des Anwaltsberufs durchgespielt. Die meisten Anwälte/-innen sind heute angestellt, aber Kristina Klaaßen-Kaiser ist „auf dem Weg zur Partner“ und wird deshalb zukünftig nicht mehr angestellt sein, sondern Anteilseignerin und Unternehmerin sein. Sie beschreibt die Möglichkeiten, sich als Anwältin in ihrem internationalen Unternehmen zu behaupten. Sie kann flexibel arbeiten, teilweise zu Hause. Es wird Teilzeit zwischen 50 und 80 Prozent angeboten und es gab in ihrem Haus bereits das Pilotprojekt „Zu Hause arbeiten“, das äußerst positiv aufgenommen wurde. Es gibt auch ein „Female Leadership Program“, mit dem die Anzahl der weiblichen Partner erhöht werden soll. Wichtig ist aus ihrer Sicht, dass die Führung des Unternehmens die neuen Arbeitsweisen vorlebt.

Mit der Tierärztin Dr. Inge Böhne stellt sich eine noch sehr seltene Rollenverteilung vor. Sie betreibt eine Nutztierpraxis mit zwei angestellten Tierärzten und ist im Verband aktiv. Ihr Ehemann arbeitet auch, aber weitgehend zu Hause und konnte sich dort um die Kinder kümmern, als sie noch die meiste Zuwendung brauchten. Dr. Böhne sieht als Unternehmerin eine hohe Verantwortung für ihre Mitarbeiter/-innen, aber auch für sich selbst. Selbstbestimmung sieht sie als Vorteil ihrer Berufstätigkeit. Sie kann planen, ihr eigenes Leben führen, sich auf eine gleichberechtigte Partnerschaft verlassen und sich landesweit vernetzen.

Ähnlich sieht Dr. Volker Steude seine Beratungstätigkeit. Er arbeitet in einer sehr unkonventionellen Kanzlei für eine bundesweite Klientel. Er trägt Verantwortung – für sich, seine Familie und die Mitarbeiter/-innen. Zunächst hat er Tag und Nacht gearbeitet. Mit wachsendem Auftragsvolumen wurde das entspannter. Seine Kinder werden nach der Schule in der „familiengerechten“ Kanzlei rundum betreut, zumal seine Frau ebenfalls dort arbeitet. So verschwimmen die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben, aber die Motivation nimmt zu.

Abschließend wird im Plenum ein Fazit zum Thema „nicht unters Rad kommen“ gezogen: Wer selbstständig arbeiten will, muss Solidarmodelle finden oder gründen, in Netzwerken und Communitys arbeiten und Risiken der Existenz so zumindest teilweise abdecken. Das Gesundheits- und das Burn-out-Risiko bleiben bestehen – ein Problem für jeden Selbstständigen, das nur zum Teil durch die Krankenkasse abgedeckt wird. 

Forum 5: Jonglieren zwischen Betriebskennzahlen und Vereinbarkeitswünschen – Alltag von mittleren Führungskräften in Sandwichpositionen

Moderation: Bianca Boudein, Ergo Versicherungsgruppe AG, Diversity & Change

Experten: Michael Blum, BKK Dachverband e. V.; Ingmar Ebhardt, Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft Steinfurt mbH

Bisher kannte man nur das Sandwichkind, das als drittes Kind eine nicht sehr günstige Position zwischen dem älteren Kind und dem Nesthäkchen einnimmt. Der sogenannte mittlere Manager bekommt als Sandwichmanager von oben schwierige Aufgaben delegiert und muss sie auf den unteren Ebenen durchsetzen, kann also kaum eigenständig agieren und schon gar nicht eigene Ideen und Konzepte entwickeln.

Das Dilemma der mittleren Führungskräfte wird zwischen Blum und Ebhardt diskutiert. Welche Maßnahmen könnten helfen, den zweiseitigen Druck besser aushaltbar zu machen? Aus Sicht der BKK führen die psychischen Belastungen zu Auswirkungen wie Depressionen und Burn-out, die tendenziell zunehmen. Und das hat zur Folge, dass ein Familienleben mit einem Sandwichmanager nur schwer zufriedenstellend für alle Beteiligten sein kann.

Die Frage nach der Politik erweist sich in diesem Zusammenhang als Sackgasse. Das Dilemma bzw. der Druck ist nur individuell aufzulösen. Auch die Vorstellungen von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die heute existieren, sind für die mittleren Manager wegen des erwähnten Drucks von zwei Seiten nur äußerst schwer zu realisieren.

Es wurde deutlich, dass die mittlere Führungskraft nur die Chance hat, besonders sorgfältig und besonnen an ihre Arbeit und ihre Führungsaufgabe heranzugehen, um für sich selbst ein lebenswertes Leben zu erreichen und gleichzeitig ein guter Manager zu sein.

Wer als Manager jedoch ein offenes Ohr für die ihm/ihr unterstellten Beschäftigten hat und diese Beziehungen weiterentwickelt und bewusst pflegt, durch viel Kommunikation und mitmenschliches Interesse, wird es an dieser „Front“ leichter haben. Die Mitarbeiter/-innen werden besser verstehen, warum sie bestimmte Aufgaben erledigen müssen. Und mit motivierten Mitarbeitern/-innen erreicht die mittlere Führungskraft auch die Kennzahlen bezüglich Umsatz und Gewinn, mit denen das Top-Management sie beauftragt hat.

Kommunikation ist auch dem Vorstand oder der Bereichsleitung gegenüber wichtig, denn deren Erwartungen müssen richtig kanalisiert und gemanagt werden. Die beauftragten Leistungskennzahlen werden entweder erreicht, oder es muss Argumente und Fakten geben, die erklären, warum diese Ziele nicht zu schaffen waren.

Die zum Ende der Diskussionen erwartete These gerät eher zu einer Frage: Wie oder womit können wir die unbeliebten Sandwichpositionen im Management von Unternehmen und Institutionen mit ihren Problemen und Schwierigkeiten den betroffenen Mittelmanagern wieder schmackhaft machen?

Resümee

Foto vom Publikum

Foto: Jürgen Kura

Dr. Hildegard Kaluza vom Familienministerium resümiert am Ende des Tages: "Kultur und Recht wirken wie ein Reißverschluss zusammen, indem die Rechtssetzung geänderten Lebensvorstellungen folgt und zugleich wiederum die Basis für kulturelle Veränderungen bildet. Dieses Zusammenwirken ist keines, das sich auf "Technik" reduzieren lässt. Vielmehr müssen immer die Familien und ihre Lebensrealität im Blickfeld bleiben. Sie wünschen sich eine gute Balance zwischen Erwerbstätigkeit und Familienzeit. Sie wünschen sich Zeit, um Familie auch leben zu können. Ihnen dies zu ermöglichen, danach streben wir".

Wir danken allen Beteiligten für die hervorragende Unterstützung!

Programm

Rede Dr. Kaluza